Eine Groteske aus der Spionagewelt

21. August 2015

Leo Müller, Bilanz

Wenn Agenten Agenten mit Hilfe von Agenten ausforschen, kann nur eine Groteske aus der Spionagewelt resultieren. Mittendrin die UBS und ein Agent des Schweizer Nachrichtendienstes.

Zu Beginn sah es aus wie ein Routinefall, als sich ein Spitzenjurist der UBS bei Bundesanwalt Carlo Bulletti in Bern meldete. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Bank stand im Verdacht, Kundendaten zu verkaufen. Solche Vorfälle kennt Bulletti viele. Er ist der Spezialist für die Datenspione bei der Ermittlungsbehörde.

Doch das Dossier, das Oliver Bartholet vom Rechtsdienst der UBS am 15. Januar 2015 an Bulletti übermittelte, deutete einen ungeheuerlichen Anfangsverdacht an, und es entwickelte bald ungeahnte Dimensionen. Der verdächtigte Ex-Mitarbeiter war nicht nur mit besonders sensiblen Aufgaben bei der UBS betraut gewesen, es waren auch Agents Provocateurs und Gehilfen aus der Grauzone zwischen Geheim- und privaten Ermittlungsdiensten im Spiel. Und auf der Liste der auszuforschenden Daten standen angebliche Bankkonten eines ehemaligen Geheimdienstchefs. Am Ende offenbarten die aufwendigen Ermittlungsoperationen des Bundesanwaltes, an denen zeitweise über 50 Kriminalbeamte beteiligt waren, eine grandiose Überraschung.

«Streng vertraulich»

Das Dossier war in einem Bundesordner abgelegt, viele Dokumente darin waren mit grossen Lettern als «streng vertraulich» gekennzeichnet. Es sei der UBS «von einer Drittperson auf deren Initiative hin» übergeben worden, teilte Bankjurist Bartholet mit. Wenig später stellte sich heraus, dass die Dokumente von einem deutschen Privatdetektiv stammten.

Das Dossier enthielt mehrere Ermittlungsberichte über eine «kriminelle Vereinigung», die angeblich seit 2007 mutmasslich weltweit Bankdaten verkaufe: «Zu den Unterstützern zählen im Sicherheitsbereich der Swift und der Banken tätige Personen, deren Aufgabe bei der Bekämpfung von Terrorismus, Drogenhandel und Geldwäsche darin bestand, festgestellte Daten an Sicherheitsbehörden der USA und Europa zu melden.» Und im Zentrum stehe der ehemalige UBS-Mann, dessen Namen wir anonymisieren - nennen wir ihn Ueli Meier. Der Mann sei «seit Juni 2014 enttarnt». Er habe seine Taten «in konspirativ geführten Gesprächen» eingestanden.

Datendiebe, die Zugang zum Swift-System haben, zum geheimen, internationalen Transaktionssystem? Ein Leck im wichtigsten Clearingsystem, über das fast alle internationalen Geldbewegungen abgewickelt werden? Das schreckte die Bankjuristen wie die Ermittler des Bundes auf. Auch das Dossier über Meier, den verdächtigten Ex-Banker, musste elektrisieren. Er habe Zuträger in allen Grossbanken der Schweiz.

Meier arbeitet seit einigen Jahren als Unternehmensberater in Zürich als Experte für Sicherheitsfragen, mit weltweiten Verbindungen zu anderen Privatermittlern und Security-Beratern. Er war nach einer Karriere als Polizist in Spezialeinheiten zur Verfolgung der organisierten Kriminalität zur UBS gekommen und diente dort zehn Jahre lang in der Zentrale. Bis 2010 war er für die Sicherheit von Veranstaltungen und Personen zuständig, darunter auch damalige Spitzenleute, von Ex-Konzernlenker Marcel Ospel bis Oswald Grübel. Der drahtige Mittfünfziger war in sensible Situationen involviert. Kein Zweifel, Meier wusste viel über die UBS.

Konspirative Gespräche

Im Stil von Agentenberichten wurden in dem Dossier aus Deutschland mehrere «konspirative Gespräche» mit Meier beschrieben, die vom deutschen Journalisten Wilhelm Dietl geführt wurden. Dietl gilt in der deutschen Medienszene als schillernde Figur, er hat beruflich bessere Zeiten hinter sich. Er war für Nachrichtenmagazine und als Buchautor für Storys über Terrorismus-Themen bekannt, zuletzt Reporter des Magazins «Focus». Bis aufflog, dass er jahrelang als Agent für den Bundesnachrichtendienst (BND), den deutschen Auslandsgeheimdienst, im Einsatz war.

Seine Spionagetätigkeit unter dem Decknamen «Dali» war im Mai 2006 in einem Untersuchungsbericht eines ehemaligen Bundesrichters für den Deutschen Bundestag detailliert aufgedeckt worden. Danach rächte sich Dietl mit zwei Büchern über seine Zeit mit dem BND und seine Enttarnung. Als Zeugnis seiner Agenteneinsätze publizierte er darin Fotos mit afghanischen Mudschaheddin, PLO-Führern, libanesischen Terroristen und dem libyschen Revolutionsführer Muammar Gaddafi. Heute führt er ein Antiquariat in einem Städtchen im Bayerischen Wald.

Auftakt an der Bahnhofstrasse

Den manipulativen Auftritt unter falscher Flagge beherrscht er immer noch. Im Dossier des Privatdetektivs wird Dietl nun als «von uns konspirativ geführter GM» bezeichnet. GM stand wohl für «geheimer Mitarbeiter». Über einen ostdeutschen Informationsbeschaffer eines Zürcher Vermögensverwalterbüros nahm er telefonisch Kontakt zu Meier auf. Am 25. August 2014 traf Dietl Meier zum ersten Mal im Strassencafé des Hotels Gotthard an der Zürcher Bahnhofstrasse. Dietl trat ganz offen mit seinem richtigen Namen auf, und Meier, damals viel beschäftigt, verhielt sich ahnungslos und offenherzig.

Dietls Hintergrund kannte er nicht, er hatte den Namen vor dem Treffen nicht einmal gegoogelt. «Er redet zu viel am Telefon», notierte Dietl, der GM. Die Kontaktaufnahme über den ostdeutschen Nachrichtenhändler hatte wohl Meiers Zutrauen geweckt. Dietl fachsimpelte mit Meier zuerst über die Geheimdienste - sein Trick zur Vertrauensbildung. Und dann kamen beide zur Sache. Dietl fragte nach Bankkundendaten für «Kunden», die er betreue. Ja, erklärte Meier, er versuche die Daten zu beschaffen.

Zunächst ging es grundsätzlich darum, ob Meier Bankdaten deutscher Kunden liefern könne. Meier hatte dafür eine Quelle in Israel im Auge. Er erinnerte sich an einen Kollegen aus früheren Zeiten, der einst für israelische Nachrichtendienste tätig war und nun wie er als Sicherheitsberater arbeitet. «Wenn einer das kann, dann er», dachte sich Meier. Und tatsächlich, beim Abendessen in einem Strandrestaurant in Tel Aviv versprach der Israeli, dass er liefern könne. Der Mann könne zaubern, dachte sich Meier wohl.

Brisanter Auftrag in Frankfurt

Anfang September 2014 meldete Meier via E-Mail an Dietl, dass sein Lieferant Kundennamen, Kontonummern und Kontosaldi offeriere. Der Preis: 80 Dollar pro Konto. Dietl bat nach Frankfurt zum Treffen am 20. September 2014. In der Lounge des Hotels InterContinental in Frankfurt speisten die beiden. Dann kam Meier auf ein Problemchen zu sprechen: Es seien 7,000 Kontoinhaber, also 7,000 mal 80 Dollar. Immerhin 560,000 Dollar Honorar also. Es kam zu Preisverhandlungen um die Gazprombank-Daten. Seine Kunden seien an regelmässigen Datenlieferungen interessiert, lockte Dietl. Ein Preisnachlass sei daher angebracht. Diese Lieferung war für Meier noch wenig gefährlich, weil es sich nicht um Schweizer Bankgeheimnisse handelte.

Dietl erteilte Meier aber einen weiteren, brisanten Auftrag. Er sollte Informationen über allfällige Konten von August Hanning liefern. Meier reagierte zunächst etwas erschrocken. Der frühere BND-Präsident als Zielperson einer Kontenausspähung, das war auch für ihn eine heisse Nummer. Dennoch erkundigte er sich bei seinem Freund in Tel Aviv. Sein Lieferant schreckte ebenfalls auf, versprach aber zu liefern. Er erhöhte für diesen kniffligen Fall nur den Preis.

Es kam zum nächsten Treffen mit Dietl im Frankfurter «InterContinental» am 21. Oktober 2014. Meier übergab ein erstes, kurzes Dokument mit rudimentären Daten über angebliche Konten von Hanning in Deutschland, Luxemburg, Norwegen - und der Schweiz. Schweizer Konten bei der Commerzbank in Zürich und der UBS. Damit verletzte Meier das Bankgeheimnis. Dietl überreichte ihm dafür als Anzahlung 42,000 Euro in einem Briefumschlag und bat um ein komplettes Dossier über Hannings Bankdaten. «Aber jetzt möchte man sich auf die beiden Konten in Zürich konzentrieren», erklärte Dietl.

Erste Skepsis gegenüber den Daten

Eine Woche später traf sich Meier erneut mit Dietl, diesmal in einer Juniorsuite des «InterContinental». Meier übergab ein zweites Dossier über Hanning. Dietl machte ihm zusätzlich für die Daten der Gazprombank eine Anzahlung von 56,000 Euro und zahlte im Dezember nochmals 32,000. Bei diesem letzten Treffen in der «InterContinental»-Suite wurden die Gespräche allerdings kritischer. Sein Kunde hege Zweifel an der Echtheit, erklärte Dietl und liess Meier direkt mit seinem angeblichen Kunden telefonieren, der sich darüber beklagte, dass die Hanning-Daten nicht stimmten. Dieser drohte, die versprochenen Honorare nicht zu zahlen. Meier, der sich nur als Botengänger begriff und die Daten selbst nicht prüfte, versprach, die Sache mit seinem Lieferanten zu klären. Zuletzt telefonierten die beiden nochmals am 30. Dezember 2014. Meier war sich sicher, die Unstimmigkeiten aufzuklären, und Dietl wünschte ihm einen guten Rutsch ins neue Jahr. Dietl und seinem Auftraggeber musste längst klar geworden sein, dass die Daten frei erfunden waren. Nichts daran stimmte, und dies war leicht erkennbar - es waren plumpe Fälschungen.

Die Beweggründe der beiden Auftraggeber bleiben im Dunkeln: Handelten sie aus eigenem Antrieb? Hatten sie wiederum Auftraggeber? In Deutschland, in der Schweiz? Dietl jedenfalls äussert sich nicht dazu. Weil es sich um ein laufendes Verfahren handle, dürfe er darüber nicht sprechen. Und der Privatdetektiv erklärt, er könne «als Nicht-Betroffener» in dem laufenden Verfahren keine Erklärung abgeben. Dietl jedenfalls war schon früher damit aufgefallen, dass er gegenüber Hanning, in dessen Präsidentenzeit seine Enttarnung fiel, kein Pardon kannte. 2006, nach seiner Enttarnung als BND-Agent, schreckte Dietl nicht einmal davor zurück, die 88-jährige Mutter Hannings aufzusuchen und sie nach den privaten Kontakten ihres Sohnes zu befragen.

Die Falle schnappt zu

Meier wiederum ahnte nicht, dass er in eine Falle gelockt wurde. Dietl hatte die Telefonate mitgeschnitten und davon Abschriften verfasst. Die Gespräche in der Hotelsuite hatte er sogar mit einer versteckten Videokamera aufgezeichnet. Meier blieb in diesem Spiel der Ahnungslose - aber für ihn sollte es noch schlimmer kommen.

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Die Videoaufzeichnungen aus dem Hotel InterContinental, alle in bester Qualität, landeten mitsamt Gesprächsprotokollen im Dossier, das die UBS an Bundesanwalt Carlo Bulletti weiterreichte. Merkwürdig an dem Dossier war nur, dass sich darin über den anfänglichen Verdacht des Eindringens in die Swift-Anlagen kein werthaltiges Beweismittel befand - ausser der Abschrift aus einem Wikipedia-Eintrag über Swift. Der Swift-Verdacht löste sich in nichts auf. Für Bundesanwalt Bulletti war dennoch klar: Es blieb der schwerwiegende Verdacht, dass Schweizer Banken ausgeforscht würden. Die Beweismittel Dietls durfte er allerdings nicht verwenden, weil sie illegal erhoben worden waren. Bulletti musste den Beweis selbst erbringen. Er setzte nun alles ein, was er hatte. Meiers Telefone wurden angezapft, sein Büro an der Bahnhofstrasse verwanzt. Observationsteams der Bundeskriminalpolizei beobachteten seine Bewegungen rund um sein Büro. So hatte Bulletti zeitweise mehr als 50 Ermittler im Einsatz, um Meier zu überführen.

Sicherheitsprofi Meier blieb immer noch ahnungslos. Doch die Observationsbeamten wurden plötzlich überrascht, als sich in ihrem Blickfeld merkwürdige Szenen abspielten. Sie konnten es kaum glauben, aber vor ihren Augen bewegte sich ein weiteres Observationsteam, das sich ziemlich auffällig unauffällig - besser gesagt: etwas tapsig - verhielt. Wer, um Gottes willen, observiert hier?, fragten sich die Ermittler. Bald entdeckten sie, dass es Beamtenkollegen waren - allerdings nicht von der Bundeskriminalpolizei. Es war ein Team vom Nachrichtendienst des Bundes (NDB). Die Polizisten erfuhren natürlich nicht, was die Kollegen vom NDB dort wollten - grosse Geheimsache.

Schlussakt im «Savoy»

Bulletti setzte nun einen verdeckten Ermittler ein, der Meier beweiskräftig überführen sollte. Der Österreicher mit dem Decknamen «Ladner» erschien am 2. Februar zu einem Treffen in Zürich, das noch von Dietl arrangiert worden war. «Ladner» wurde als Vertreter von Dietls Kundschaft eingeführt. Im vorbereiteten Konferenzzimmer im ersten Stock des Hotels Savoy am Paradeplatz in Zürich erwartete Meier 280,000 Franken für weitere Gazprom-Kunden. Als Meier das Hotel - immer noch ahnungslos - verliess, griffen Zivilbeamte zu und führten ihn zu einem abgedunkelten Lieferwagen. Die Tür öffnete sich, und drinnen empfing Bundesanwalt Bulletti den festgenommenen Meier, der nun abgeführt wurde.

Nachts um zehn vor zwölf eröffnete Bulletti dem Beschuldigten in der ersten Einvernahme, dass gegen ihn wegen des Verdachts des wirtschaftlichen Nachrichtendienstes ermittelt werde. Meier war nun sehr verwirrt. Er durfte erst einmal schlafen gehen - in U-Haft. In den weiteren Einvernahmen zeigte sich der Beschuldigte überaus kooperativ und umgänglich, schliesslich verstand der Ex-Polizist das Geschäft der Ermittler. Meiers Verteidiger, der Zürcher Anwalt Valentin Landmann, sieht bei seinem Klienten nur eine geringe Schuld: «Es stellt sich vielmehr die Frage, ob jemand im Rahmen einer Agent-Provocateur-Aktion zum wirtschaftlichen Nachrichtendienst angestiftet hat.»

Doch Meier hatte noch eine pikante Überraschung für die Ermittler parat: Er war im Laufe des Jahres 2013 als Agent des Nachrichtendienstes des Bundes im Einsatz, um Informationen über deutsche Steuerfahnder in Nordrhein-Westfalen zu beschaffen. Er sollte die Beamten auskundschaften, um Hintergründe über deren illegale Datenkäufe zu recherchieren. Für diese Aufgabe wurde er in einer konspirativen Wohnung des NDB trainiert, mit präpariertem Natel und verschlüsseltem Laptop ausgerüstet. Meier hatte sich beim Fachsimpeln gegenüber Dietl schon verraten: «Wissen Sie, dem Schweizer Nachrichtendienst, dem hat man alle Zähne gezogen. Das ist ein lahmer Tiger, das ist eine Ministrantengruppe. Eben darum muss ich jetzt für den Staat hinausgehen.»

Die UBS hält sich heraus

Das ist die Ironie der Geschichte: Der überführte Spion war selbst ein Agent. Der Ex-BND-Agent Dietl beauftragte den Ex-NDB-Agenten Meier damit, die Konten des Ex-BND-Chefs Hanning zu knacken. Die Daten lieferte ein Ex-Agent aus Israel. Sie waren falsch.

Die UBS liess sich in dieses Spiel hineinziehen, heute will sie sich heraushalten. «Die UBS ist nicht Partei im erwähnten Verfahren und kann dieses auch nicht kommentieren», erklärt das Geldhaus. Und Hanning, der knochentrockene Beamte, dem in seiner Amtszeit kein nennenswerter Skandal passierte, sieht sich plötzlich wieder im Zentrum einer Schmutzkampagne. Er war nie Kunde der UBS: «Die in den Dossiers genannten Daten über meine Person sind frei erfunden. Die UBS hat mich über den Vorgang nicht unterrichtet.»

 

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